Sonntag, 19. Februar 2012

Die kälteste Versuchung seit es Ultras gibt...

Kurz vorab: Die Bilder habe ich hier
„zusammengeklaut“ und das Copyright liegt bei Andre Boom, Rolf B. Röper, Gerhard Eisner und Rainer Holland. Solltet Ihr etwas gegen die Verwendung einzuwenden haben, dann schickt mir eine mail und ich entferne die Bilder wieder.


Man, man, man…Vor einer Woche bin ich noch im weißen Schnee versackt und jetzt schon wieder im grauen Alltag…und eigentlich hatte ich auch nicht vor, hier an dieser Stelle noch einen weiteren  Bericht über meine Ultra-Marathon Premiere bei der Brocken Challenge 2012 zu schreiben, da dies ja schon einige Leute in schöner und ausführlicher Weise getan haben…aber als ich dann heute morgen so durch die Bilder und Berichte geklickt habe und mich wieder an den Sonnenuntergang am Brocken erinnert habe, da habe ich gedacht: „Doch, sollte ich auch noch machen!“ Und zwar aus genau dem Grund, der auch die meisten anderen „Mitschreiber“ motiviert hat, dies zu tun – Um „Danke“ zu sagen an die Helfer und Organisatoren. Denn auch wenn Ihr es vermutlich schon sehr häufig gehört habt, so denke ich doch, dass man von ehrlichem Lob ja nie zu viel bekommen kann – und in diesem Sinne bestätige ich: „Ihr seid Spitze!“

Ja, eigentlich hasse ich ja die Kälte…Sich mit diesem Wissen die Brocken Challenge als Ort für die „Ultra-Premiere“ herauszusuchen, liegt noch nicht mal bei einer so verqueren Denkweise wie meiner wirklich nahe und kann von Außenstehenden getrost in die Kategorie „Denn er weiß nicht, was er tut…“ eingeordnet werden, - doch ich hatte einfach Bock auf diesen Lauf und diese Strecke! Auf den Brocken wollte ich schon immer mal, von Stadtläufen habe ich zunehmend die Nase voll und außerdem wollte ich meine Laufmotivation über den Winter mit einem konkreten Ziel sicher stellen. Als ich dann von der BC gelesen habe und Ihrer Entstehungsgeschichte, da war ich mir sicher, dass das genau die richtige Veranstaltung für einen kauzigen Typen wie mich ist. Ok, ich gebe zu, dass mich das nicht gerade geringe Startgeld als Student doch im ersten Moment etwas „geschockt“ hat, ins Besondere aufgrund der Tatsache, dass mein „Rennbudget“ für 2012 eigentlich schon allein mit der Anmeldung zum Ironman Germany (bei 500+ Euro fange ich dann doch an zu überlegen, ob ich da das Fahrrad gleich noch mit dazu bekomme…) vollkommen aus dem Ruder gelaufen ist, doch muss ich jetzt im Nachhinein sagen: Das Geld für die BC war mehr als gut angelegt! Nicht nur, weil das Geld hier zu 100% an karitative Einrichtungen und eben nicht in die Taschen von einer Veranstaltungsgesellschaft fließt, sondern auch weil  sich der charmante Service und die gelungene Logistik auf keinen Fall hinter „kommerziellen“ Veranstaltungen verstecken brauchen.
Als ich mich damals also zur Teilnahme entschlossen hatte, da war ich noch optimistisch, dass mein guter Kumpel Philipp auch mit am Start sein würde und wir als Buddy-Team die Sache angehen könnten, das hatte sich dann aber nach der schnellen Schließung der Startliste erledigt und so hing ich jetzt alleine drin, in der Sache.
Bis Weihnachten lief die Vorbereitung eigentlich optimal und bei einigen Plusgraden und besten Wegebedingungen auf dem hiesigen Hermannsweg konnte ich selbst im Dezember noch locker mit der kurzen Hose laufen und mich daran erfreuen, dass die Laufform aus dem Frühjahr 2011 langsam wieder zurück kam. Und so sah ich mich in meiner Vorstellung schon schön im gemäßigten GA1 Tempo den Brocken hoch laufen…Aber „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…“ und so hat sich mit Silvester nicht nur das alte Jahr, sondern auch gleich meine Laufform verabschiedet…Erst hatte ich Probleme mit den Adduktoren, dann mit der Hüfte und dann wieder mit den Adduktoren…die „Langen Läufe“ wurden statt länger zunehmend kürzer und 2 Wochen lang ging gar nichts bzw. ging ich nur noch…Zu meiner nicht gerade großen Begeisterung meldete sich dann auch noch der Winter aus Sibirien zurück und bei Temperaturen von Minus 15 Grad auch gleichzeitig wieder meine Durchblutungsstörungen in den Händen, was dazu führte, dass bei Läufen ab 2 Stunden die Hautfarbe meiner Finger trotz Laufhandschuhen wieder der einer Tatort Wasserleiche entsprach…Na ja, auch sonst war ich von meinem „Equipment“ nicht so überzeugt und auch die Schuhwahl war eine schwere Geburt und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Wings2-Globen waren im Nachhinein einfach zu…“massiv“ um so eine lange Strecke noch „locker“ zu laufen…und haben mir jetzt nicht gerade „Flügel“ verliehen…
Na ja, lange Rede, kurzer Sinn – die Vorzeichen waren jetzt eher sagen wir „suboptimal“ und nach einer nicht gerade erholsamen Nacht von Freitag auf Samstag (Der letzte freie Schlafplatz direkt neben der Heizung war ein „schweißtreibender“ Fehler…) hatte ich am Samstag um 5 Uhr eigentlich nur den Gedanken „Irgendwie durch und dann ab nach Hause und schlafen…“
Ja, verschlafen war ich dann irgendwie auch noch den ersten Teil der Strecke und als ich bei km 2 in einer Bodenrille umgeknickt bin, dachte ich schon daran, dass ich schneller wieder ins Warme kommen würde, als mir lieb wäre…Es ging dann aber zum Glück doch noch weiter und die Kälte sowie der anbrechende Morgen sorgten auf den nächsten Kilometern dafür, dass ich auch geistig von der Isomatte weggekommen bin…

 ("Hellwach" auf dem ersten Streckenabschnitt...)

Die ersten 30km bis zur Rhumequelle liefen eigentlich ganz okay und obwohl ich mich jetzt nicht gerade wie ein leichtfüßiges Reh gefühlt habe, dachte ich noch, das mein Ziel bei Tageslicht auf dem Brocken anzukommen locker zu erreichen sei…Doch irgendwie hat sich das Grau des morgendlichen Schmuddelwetters, dann mehr und mehr in meinen Kopf geschlichen und der Streckenabschnitt nach Barbis, den ich persönlich auch am wenigsten attraktiv fand, hat mich mental echt etwas „runter gezogen“ und diese paar Kilometer kamen mir eeeeeewig vor…Zu allem Überfluss, (Super-Wort in dem Zusammenhang!) floss auch bei meiner Arctica Trinkflasche so GAR NICHTS mehr und ich habe mir, genau wie meine „Dauerreferenz“ Sanna (Gruß!) im wahrsten Sinne des Wortes die Zähne bei dem Versuch ausgebissen, an  einen Schluck Tee heranzukommen… und als Dreingabe fingen auch noch meine Hände trotz Dreifach!-Handschuhen an, weh zu tun…
 Das Einzige was mich zu diesem Zeitpunkt noch erheitert hat, waren die Blicke der „Dorfbewohner“ auf dem morgendlichen Weg zum Brötchen holen (Habe die Denkblasen mit „Ach, der arme Irre…“ förmlich vor mir gesehen…). 
 (So sieht wohl "Zuversicht" aus, bei geschafften 30km und läppischen 50km und 1500 Höhenmetern "to go"...)


 (Bei dem, was ich an diesem Tag am Besten konnte: Essen, essen, essen...)

Nachdem ich mir in Barbis erstmal kräftig den Bauch voll geschlagen hatte, war ich eigentlich wieder etwas zuversichtlicher und freute mich auf den ersten Abschnitt im Harz…Die Motivation versackte allerdings relativ schnell mit meinen Schritten im knöchelhohen, losen Schnee und der Entsafter machte seinem Namen alle Ehre…war ich vorher noch „nicht gerade leichtfüßig“, so war ich jetzt im „Wildschweinmodus“ angekommen und wühlte mich mühsam voran…

 (Beste Bedingungen...zum "Langlaufen"...)

Mein Mantra „Locker laufen, Timo“ habe ich spätestens beim Anstieg zum Jagdkopf in „Ganz locker wandern, Timo…“ umgetauscht und ich danke dem Laufgott dafür, dass die Reiterinnen Ihre Pferde dieses Jahr gegen ein ca. 140 Pferdestärken starkes Schlachtross ausgetauscht haben und die angekündigte „Notverpflegung“ mehr als üppig ausgefallen ist.
Ach ja, war das schön, sich bei mittlerweile herrlichem Wetter die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen und eine Biosüßigkeit nach der nächsten zu vertilgen…Ich weiß nicht, wie lange meine Picknickpause gedauert hat (gefühlt 30 Minuten…), aber als mich eine der überaus netten Damen beim 5ten mal Tee nachschenken lachend gefragt hat : „Du willst wohl heute auch nicht mehr ankommen, oder?“, da war ich tatsächlich kurz versucht zu sagen „Nein, ich bleib gleich mit euch hier!“…
(Vergesst Charlie! Viel besser: 3 Engel mit fruit tea)

Irgendwann hat sich dann aber doch mein schlechtes Gewissen gemeldet, dass die Läufer nach mir vielleicht auch noch etwas zu Essen haben wollen und  ich habe es geschafft mich wieder loszueisen. Meine Stimmung war zusammen mit meinem Blutzuckerspiegel in die Höhe geschossen und  war zwar meine große Laufform nicht schlagartig wieder zurück gekehrt, dafür aber eine äußerst versöhnliche Denkweise – Den sportlichen Ehrgeiz habe ich bei den netten Mädels zurück gelassen und beschlossen, die zweite Streckenhälfte einfach nur die wunderbare Natur bei diesem grandiosen Wetter zu genießen (Achtsamkeit würden das meine Psychologenmitbewohner wohl nennen…). Und was soll ich sagen, das war die Beste Entscheidung des Tages: Sportlich bin ich zwar weit unter meinen Möglichkeiten geblieben, aber das erschien mir plötzlich so was von zweitrangig (man könnte fast meinen ich werde altersweise…) und ich fand es unheimlich angenehm sich auf dem schönen Stück von Lausebuche nach Oderbrück in aller Ruhe mit Mitläufer Christoph über Gott, die Welt im Allgemeinen und Halle an der Saale im Speziellen, auszutauschen (Meld dich mal, wenn du willst Christoph, vielleicht sieht man sich ja bei irgend einem Etappenlauf mal wieder…). Die letzten 8 km zum Brocken hinauf habe ich dann noch mal kurzfristig überlegt, mich doch noch richtig zu quälen, um das „Tageslicht“-Ziel zu erreichen, aber als ich die 30%Rampe oben war und diesen sensationellen Sonnenuntergang gesehen habe, dachte ich eigentlich nur noch daran „wandernd“ den Ausblick zu genießen und mir das mit der „Quälerei“ für den nächsten „Stadtmarathon“ aufzusparen…
 (Zu schön, um sich nur auf den Weg zu konzentrieren...)

Ich glaube, wenn es mir mit einbrechender Dunkelheit nicht ziemlich schnell kalt geworden wäre, dann hätte ich gar keine Meter mehr im „Laufschritt“ zurück gelegt, so aber habe ich mich dann ganz zum Schluss doch noch einmal etwas beeilt voran zu kommen, um möglichst schnell in den warmen Goethe Saal zu kommen…Leider hatte ich Trottel, es dabei sogar so eilig, dass ich das obligatorische Foto am Brocken-Felsen vergessen habe…Na ja, die warme!!!! Dusche war einfach zu verlockend :-)
Nach ausgiebiger Spaghetti Spachtelei, einer sehr entspannten Nachtwanderung nach Schierke, einer ruhigen Busfahrt zurück nach Göttingen und einer weiteren Nacht im „Pferdedomizil“ (…habe in der letzten Woche die Erkenntnis gewonnen, dass „Pferdegeruch“ noch penetranter ist, als Zigarettenqualm ;-)) war ich am Sonntagmorgen plötzlich „The Last Man Sleeping“ und alle anderen hatten sich schon auf den Heimweg gemacht. Also habe ich ganz entspannt meine 7 na ja, sagen wir mal 70 Sachen, gepackt und habe mich mit dem nahen Stadtbus nach Göttingen getrollt – Nachdem ich mich dort mit einer Freundin zu einem 3 bis 4 stündigen „Früh“stück getroffen hatte, fühlte ich mich auf dem Rückweg ins heimische Bielefeld, zwar immer noch etwas „übernächtigt“, aber ansonsten körperlich eigentlich schon wieder ziemlich fit (Für das 1-Minute Umsteigen im Metropolenbahnhof Elze hat es jedenfalls noch gereicht…).
Die einzigen negativen Spuren haben tatsächlich meine Schuhe hinterlassen und ich möchte hiermit schon mal den Sonderpreis für die größte Blutblase beanspruchen – allerdings hat sich dieses Problem auch recht schlagartig wieder zwischen den Zehen verlaufen…und ich konnte letzte Woche schon wieder problemlos laufen gehen.

So, ja, was bleibt mir nun als Fazit zu sagen:

-         Schön wars! – Nicht immer während des Laufs, aber insgesamt allemal!
-         Die Strecke ist toll und macht in der zweiten Hälfte selbst an schwachen Lauftagen Spaß!
-         Ich kann noch mehr essen, als ich das ohnehin von mir gedacht hätte (Wenn aschu die „Essenssplits“ online stellt, sucht mich ganz oben!…Soll doch noch mal die Wissenschaft behaupten, man könne während so eines Rennens gar nicht so viele Kalorien zuführen, wie man verbraucht…)
-         Läufer sind jetzt nicht unbedingt die „besseren“ Menschen (diese Illusion habe ich spätestens seit meinem ersten Berlin-Marathon verloren…), aber ich würde jetzt fast so weit gehen, zu behaupten, dass es zumindest auf die BCler zutrifft, ich habe zumindest niemanden gesehen/erlebt der mir negativ aufgefallen wäre…
-         Die Organisation ist tadellos: Hat alles so geklappt, wie beschrieben (Vorbesprechung, Übernachtung, etc.) und auch mit der Streckenbeschilderung kam selbst ich, der sich sonst auch schon mal auf der Stadionrunde verlaufen kann, sehr gut aus (Nur den von irgend jemand angekündigten Metzger in Rüdershausen, den habe ich nicht gesehen, aber vielleicht schlachtet der ja auch im Wohnzimmer…)
-         Die Verpflegungsstationen sind das Beste, was ich bisher erlebt habe! Das Essen ist absolut Weltklasse, genau wie die Helfer! Sich bei den Temperaturen für ein paar Freaks stundenlang da draußen hin zu stellen und das auch noch mit bester!!! Laune – RESPEKT! RESPEKT! RESPEKT!!! Und vor allem DANKE!!!!
-         16.000 Euro für einen guten Zweck – Bravo!

Ich drohe mal ein Wiederkommen in 2013 an, wenn ich bis dahin nicht in wärmere Gefilde ausgewandert bin…

Danke BC 2012!!!




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